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Betroffenenberichte, Magersucht

Kalt
Mir ist kalt, ich frier
die Hände zittern, ich fühl mich nicht wohl.
Woher das kommt- ich weis es genau
Zu voll bin ich,
zu voll mit Gedanken, die ich kaum mehr tragen
kann

Trotzdem eine grosse leere, nichts da
keine Gefühle, alle weg, der Hunger hat sie
mitgenommen.
Gegangen ist er schon lange,
langsam geht alles von mir.

Mir ist kalt, und das seit tagen,
kalt bin ich schon lange.
Gänsehaut zeigt mir das ich noch bin.
Doch was bin ich?
Wo ist die Freude geblieben?
Auch die hat der Hunger mitgenommen.

Keine Gefühle, und doch tief traurig,
eine schwere leere trag ich in mir, wie kann sie
leer und doch schwer sein?
Wie viel kann ich noch tragen?
Und wie viel kann ich noch denken?

Mir ist kalt, ich hab Hunger,
Hunger nach der Ruhe.
Die Ruhe in mir, kein durcheinander mehr.
Keine verdrängten Gefühle und keine verdrängten
Gedanken.
Worte in meinem Kopf die schmerzen, woher kommen
die?

Ich mag nicht lieben,
Schon gar nicht mich, zu lieben wär eine lästige£
Pflicht.
Zuviel Energie würde es mich kosten,
Das kann ich nicht der Hunger hat sie
mitgenommen.

Mir ist kalt und ich hab Angst

24. Januar 2004 (Name der ENES-Administration bekannt)

 

Ich habe mich belogen, acht Jahre lang. Ich habe gedacht ich könnte damit leben, so überleben. Habe ich mir wirklich geglaubt? Es ist so schwer sich einzugestehen, dass man sich und andere nur belogen hat, dass man essen muss um zu leben und das man eigentlich am Boden ist. Klinikaufenthalt - war umsonst, ich wollte einfach nicht. Habe allen was vorgemacht, um mich anschließend noch mehr zu zerstören. Heute ist das anders, seit drei Wochen. Ich esse, langsam kann ich steigern. Alleine habe ich begriffen, was ich getan habe, was falsch war und was ich jetzt tun muss, um nach acht Jahren mein Leben zurückzubekommen.

Es dauert lange und ich bin jetzt schon wieder ungeduldig mit mir, aber ich möchte wieder leben und ich hoffe für mich, für meine Mama, dass ich diesmal gewinne. Eigentlich ist es doch klar, essen ist LEBENSNOTWENIG!

Alle Essgestörten müssen selber wollen und deswegen hoffe ich, dass es bei vielen auch bald "klick" macht!

31. Juli 2006 (Name der ENES administration bekannt)

 

Ich und meine Zwillingsschwester waren immer dünn. Eigentlich hätten wir nie einen Grund gehabt, abnehmen zu wollen. Vor drei Jahren fing jedoch die ganze Geschichte an ... In unserer Klasse war ein Mädchen, das sehr, sehr dünn war. Bei ihr war es jedoch veranlagt, sie ass genug und nahm einfach nicht zu. Wir anderen Mädchen der Klasse wollten alle auch so dünn sein wie sie, so haben wir angefangen, Kalorien zu zählen, auf Frühstück und z`zNüni zu verzichten, praktisch keine Süssigkeiten mehr zu essen und extrem viel Sport zu treiben. Einige hatten mehr Disziplin, andere weniger. Doch wurden die "schwächeren" immer wieder durch die anderen motiviert. In dieser Zeit haben alle(!) Mädchen der Klasse mindestens 6kg abgenommen. Das war sehr ungesund, da 1. keine von uns vorher dick war und da wir 2. gerade mitten in der Entwicklung waren. Meine Zwillingsschwester war eine, die sehr diszipliniert war. So wog sie dann mit einer Körpergrösse von 158cm noch 33kg. (Ich noch 37). Unser Sportlehrer war lange der einzige, der sich Gedanken gemacht hat. So hielt er uns während zwei Sportlektionen einen Vortrag über Abnehmen, Magersucht und solche Themen. Für eine kurze Zeit assen einige von uns dann wieder normal. Jedoch nicht alle. Das führte dann dazu, dass auch wir anderen schon nach 2 Wochen wieder anfingen auf allerlei zu verzichten. Ich kam schliesslich aus der ganzen Sache raus, weil ich mein Training steigerte und so mehr essen musst, um meine Ziele zu erreichen. Bei meiner Schwester hat das nicht geklappt. Während ich dann viele Fortschritte machte (wir sind beide Eiskunstläuferinnen) brach sie jedes zweite Training ab. Sie war dann deprimiert, weil sie keinen Erfolg mehr hatte und ass noch weniger, um wenigsten auf der Waage „Erfolg“ zu haben. Das ganze dauerte etwa ein Jahr und ein halbes. Dank einer guten Kollegin, die auch in der Klasse war und auch fast 10kg abgenommen hatte, jedoch jetzt wieder "normal" ist, schaffte es dann auch meine Schwester, ihr Essverhalten zu ändern. In der Zeit, in der wir beide hungerten, ist unsere Familie benahe auseinander gebrochen. Unsere Mutter wollte uns oft zum Essen zwingen, was dann so ausartete, dass sie uns schlug und wir sie natürlich dann auch. Unsere Eltern stritten sich oft darüber, was sie mit uns (vor allem mit meiner Schwester) machen sollten. Vor knapp einem Jahr bin ich dann nochmals rückfällig geworden. Während meine Schwester fast 5kg zunahm, nahm ich 5kg ab und wog dann noch 40kg (162cm). Der Grund für meinen Rückfall lag hauptsächlich beim Sport, in der Schule und beim sozialen Umfeld. Weil meine Schwester sich jetzt wieder gesund ernährte, machte sie auch wieder Fortschritte und war bald besser als ich. In der Schule bekam sie die besseren Noten. Ausserdem hatten wir in der Zwischenzeit die Schule gewechselt. Während sie schon viele Kolleginnen gefunden hatte, fiel es mir sehr schwer, mich zu integrieren. Irgendwo wollte ich aber auch "besser" sein als meine Schwester und „Erfolg“ haben. So beschloss ich, wieder abzunehmen. Es trat dann der gleich Effekt wie vorher bei meiner Schwester ein. Ich machte keine Fortschritte mehr im Sport, was mich deprimierte. Zudem war ich oft schlecht gelaunt, was sich nicht gerade positiv auf mein Umfeld auswirkte. Zur Folge ass ich immer weniger (z.B. zwei Wochen lang nur jeden Tag 1 Magerjoghurt). Über ein halbes Jahr blieben meine Tage aus und ich klappte mehrere Male am Morgen zusammen. Diesmal war es meine Trainerin, die mich aus der Spirale holte. Sie sagte mir, ich dürfe beim nächsten Wettkampf nicht starten, wenn ich bis dahin nicht mindestens 5kg zugenommen hätte. Obwohl ich es knapp nicht schaffte durfte ich teilnehmen, mit dem Versprechen, mein Gewicht auf 47kg zu steigern. Heute bin ich 47kg... Ich fühle mich jedoch nicht richtig wohl in meinem Körper, da ich mir die vielen „Pölsterchen“ einfach nicht gewohnt bin. Die Versuchung ist gross, wieder abzunehmen. Mehrere Male tat ich das auch wieder…(vor einem Monat 4kg in zwei Wochen). Obwohl ich mich noch nicht an meinen „neuen“ Körper gewöhnt habe, weiss ich, dass ich dieses Gewicht behalten muss, denn auch mit 47kg erreiche ich den normalen BMI noch nicht. Meine Schwester ist heute mehr oder weniger gesund. Sie achtet jedoch immer noch sehr auf ihre Ernährung. Der Nachteil ist, dass sie (ich auch) von fast allen Lebensmitteln den Kalorien- und Fettgehalt kennt, wodurch wir natürlich eher kalorienarme Produkte essen und auch immer genau wissen, wie viele Kalorien wir schon zu uns genommen haben usw... Dieses Zählen kann man nicht so einfach abschalten. Heute erschreckt es mich sehr, was vor drei Jahren geschehen ist. Dieser Druck nach dem Schlanksein brachte 9 gesunde Mädchen dazu, sinnlos abzunehmen und ihre Gesundheit zu gefährden. Ich finde es rückblickend auch erschreckend, wie sehr wir uns gegenseitig motivieren konnten und wie wenig andere Leute gesagt haben. Ich glaube, dass viele Menschen solche Probleme nicht ernst nehmen. Sie verstehen nicht, dass eine Essstörung eine Krankheit ist. Viele glauben, es seien einfach dumme Mädchen, die sich halb zu Tode hungern und sehen sich nicht dazu Verpflichtet, ihnen zu helfen. Ich fände es wichtig, dass die Gesellschaft genügend über solche Probleme informiert wird und auch dazu aufgefordert wird, einzugreifen und zu handeln und zwar früh. Ich denke, wenn zum Beispiel damals unsere Lehrer reagiert hätten, wäre das ganze nicht so ausgeartet und einige hätten vor einer Essstörung bewahrt werden können. Die Folgen des Magerwahns unserer Klasse damals, zeigen sich bis heute. Immerhin sind heute noch zwei Mädchen stark (mehr als 5kg) untergewichtig. Drei sind noch einmal rückfällig geworden (so wie ich) und eine von uns musst in einer Klinik behandelt werden. Also an alle Eltern, Bekannten, Freunde, Verwandten und Aussenstehenden: Eine Essstörung ist eine Krankheit, die möglichst früh behandelt werden sollte. Es liegt an euch, die Krankheit möglichst früh zu erkennen und einzugreifen!!!!!!

21 Juni 2008 (Name der ENES administration bekannt)

 

 

 

 

 

 
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